Wirtschaftspolitischer Dialog: „Two speed IT“ versus „Two speed IT policy“

Der Wirtschaftsminister lädt ein: „Digitalisierung als Innovationsmotor für kleine und mittlere Unternehmen“ – ein großer Titel. Tatsächlich sind 90 Teilnehmer angemeldet und finden sich unter spät-hoch-sommerlichen Temperaturen in den kühlen Gemäuern des Salbker Wasserturms auch größtenteils ein. Eine bunte Mischung aus IT-Unternehmen und Anwendern – viele der ‚üblichen Verdächtigen‘ sind diesmal nicht dabei, dafür viele neue und interessierte Gesichter.

Als Praktiker und IT-Verbands-Mensch darf ich in 10 Minuten ein Statement von mir geben. Zunächst das Übliche:

    Sachsen-Anhalt braucht eine Digitale Agenda – hier ist ein Start gemacht und wir warten auf Ergebnisse bzw. eine Idee, wie diese Agenda entstehen soll – sicher nicht im ’stillen Kämmerlein‘ der Staatskanzlei.

    Die Wirtschaft braucht ‚echtes Breitband‘ – DSL führt langfristig in die Sackgasse. Ersatztechnologien wie LTE und VDSL sind in Sachsen-Anhalt für die Wirtschaft praktisch unbrauchbar.

    Das Netz von IT-Ausbildungseinrichtungen muss erhalten und gestärkt werden – insbesondere ist die Informatik-Ausbildung am Standort Halle zu erhalten!

Dann ein Blick in eine aktuelle Studie von McKinsey (http://mckinsey.de/mckinsey-studie-zu-industrie-40-deutsche-unternehmen-trotz-wachsender-konkurrenz-zuversichtlich)

    Unternehmen müssen datenbasiert wirtschaften: bisher werden nur 1% der Daten genutzt – dagegen steht ein Produktivitätspotential von 30%. Dazu ist es nicht nur notwendig – wo auch immer – Daten zu erheben. Sie müssen gespeichert, verarbeitet und ausgewertet werden. Um eine Auswertung zu fahren benötige ich jedoch vor allem eines: Jemanden der Fragen stellt, die beantwortet werden können. Und dieser Jemand kann nur jemand mit Verantwortung für das Unternehmen sein – typischerweise der Chef.

    Unternehmen müssen sich den Zugang zum Kunden sichern. Stichwort ‚Lieferheld‘ oder ‚MyHammer‘ – es ist beängstigend, mit welcher Leichtfertigkeit Unternehmen den Kontakt zum Kunden anderen Plattformanbietern in die Hand geben. Wenn ich nicht weiß, wie on-line Kundenbindung geht, muss ich halt mal jemanden fragen!

    „Two speed IT“ zu deutsch „IT der zwei Geschindigkeiten“ – eine sinnvolle Strategie oder ein neuer Hype?
    McKinsey sagt in seiner Studie: „Industrieunternehmen sollten im Sinne einer „Two-speed IT“ neben ihrer bestehenden IT-Struktur gezielt Möglichkeiten eröffnen, Schnelligkeit wie in Startups abzubilden“. Schon bei der Micrososft Welt-Partner-Konferenz wurde dieses Thema von den Analysten und Zukunftsforschern intensiv diskutiert: Wie verzahne ich den Innovationszyklus meiner Branche (z.B. in der Automobilindustrie drei Jahre) mit dem immer schnelleren Innovationszyklus der IT? Die Antort soll in der IT der zwei Geschwindigkeiten stecken – solide und langfristige Kundenbeziehungen und nachhaltige Produktentwicklung verbunden mit dem „Agieren wie ein Start-Up Unternehmen“.

Da es ein wirtschaftspolitischer Dialog ist, stellt sich die Frage, ob nicht nur die IT-Entwicklung und Anwendung zwei Geschwindigkeiten in einer Organisation verkraften muss, sondern auch die IT-orientierte Wirtschaftspolitik. Wie können Förderprogramme oder politische Entscheidungszyklen mit dem Tempo der Digitalisierung Schritt halten? Konkret: Wieso entscheidet eigentlich der Bildungsausschuss des Landtages Sachsen-Anhalt am 2.9. über eine Absichtserklärung des Landes gegenüber Microsoft, welche schon am 31.5. ihre Bindungsfrist verloren hat?

Der Abend klingt mit einer Podiumsdiskussion und der Quintessenz aus, dass Unternehmen sich umschauen müssen, auch mal was abgucken dürfen und vor allem eines tun müssen: Sich bewegen! Denn mitunter gibt es nicht nur keine „IT der zwei Geschwindigkeiten“ sondern nicht einmal die „IT der einen Geschwindigkeit“.