Home-Office für Alle!

Genehmigt – empfohlen – angeordnet und heute täglich gegen Rückkehrwünsche verteidigt: die Metamorphose der Wahrnehmung von Home-Office ist bemerkenswert.  Home-Office für alle klang zunächst wie ein kleiner Jubelschrei; heute wirkt es immer mehr als ungeliebtes Übel.

Aber der Reihe nach.

25. Februar. An diesem Tag gab es weltweit so viel Infizierte wie heute in Deutschland, in Deutschland selbst gab es 16 Infizierte. Trotzdem wurde bei Teleport der Notfallplan in Kraft gesetzt – sicherheitshalber. Jeder sollte vorab wissen, wie man sich bei eigener Erkrankung, bei Erkrankung in der Familie oder bereits beim Auftreten von Fällen in den Kindereinrichtungen verhalten soll. Für den Fall der Fälle wurde Home-Office-Readiness auf 100% gesetzt, jeder sollte die eigene Abkömmlichkeit und die Klarheit der Vertretungsregelungen prüfen und last but not least wurden die noch zu erträglichen Preisen beschafften Desinfektionsstationen an jedem Eingang, in jeder Toilette und in jeder Küche aufgestellt.

Motto-Zitat aus der Mitarbeiterinformation: „Wenn Du einen Regenschirm mitnimmst, wird es wahrscheinlich auch nicht regnen“. Schön wär’s.

Freitag den 13. März. Am Morgen wird Home-Office für alle Bereiche Entwicklung, Consulting, Administration und Vertrieb empfohlen. Alle Dienstreisen werden abgesagt, die Meetingräume werden nicht mehr genutzt. Die automatisierte Signatur aller E-Mails trägt nun Informationen zum Umgang des Unternehmens in jede Kommunikation. Die Betriebsfähigkeit bleibt zu 100% erhalten.

Am Abend kommt es jedoch ‚dicke‘. Die verbliebenen Mitarbeiter sammeln sich im Konferemraum und schauen im Live-Stream die Pressekonferenz der Landesregierung. Die verkündet die Schließung der Kindereinrichtungen und Schulen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Alle Eltern – und es sind viele – bekommen die Denksportaufgabe mit ins Wochenende, wie das funktionieren könnte.

Freitag, der 13. (März) – Die Landesregierung verkündet die Schließung der Kinderbetreuungseinrichtungen – Sorgenfalten bei den Eltern.

Am Anfang der folgenden Woche müssen viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihren Arbeitsalltag neu sortieren. Kinder springen bei Videokonferenzen neugierig ins Bild, die Home-Arbeitsplätze werden gegenseitig begutachtet. Die Qualität einiger privater Headsets grenzt an Körperverletzung und manch einer merkt, dass man auf dem Bildschirm des Notebooks nur bedingt mehrere Dokumente gleichzeitig jonglieren kann. Headsets werde nachgeliefert, Monitore auch. Auch große – es könnte ja länger dauern mit dem Home-Office. Aber es gibt auch viele Einzelgespräche um Sorgen und Bedenken zu erfahren, um Lösungen zu diskutieren und Notfälle zu lösen.

Und die gibt es ohne Frage. Erkrankte Ehefrauen, teilweise mit Corona-Verdacht – und dann noch zwei Kinder. Unser syrischer Praktikant bekommt genau das nicht, was er am meisten benötigt: Zuwendung, ein soziales Umfeld und Sprache, Sprache, Sprache. Mitarbeiter im Direktvertrieb können nicht mehr zu Kunden fahren. Mitunter geht es auch um Einsamkeit und Probleme mit der Isolation.

Und nebenbei springt die noch Nachfrage an: eine kleine Auftragsflut zur Einrichtung von VPNs, HomeOffice Arbeitsplätzen, Bandbreitenerweiterungen und ‚Feuerwehr-Lösungen‘ bei Kunden und ihren Mitarbeitern muss bewältigt werden. Auffällig ist, dass viele der ‚Notfall LTE-Router‘ gebucht werden – die Infrastruktur des Landes gibt an vielen Stellen nicht genug Bandbreite für Home-Office her (teilweise hilft auch mobiler Datenfunk nicht weiter) – die weißen Flecken lassen grüßen.

Am Ende der ersten Woche stellen wir fest: es hat alles funktioniert. Die ersten Kunden sind begeistert über die Möglichkeiten von Office365 und Teams und wir schnaufen erst mal durch.

Montag der 23. März. Nach Erwägung der Lage wird größtenteils Home-Office angeordnet. „Home-Office für alle“ klingt nicht mehr verheißungsvoll. Inzwischen wissen Mitarbeiter, dass es einem im HomeOffice auch nicht unbedingt gut gehen muss. Wir schauen aber auch genau auf die sozialen Umfelder. Mitarbeiter mit Ehefrauen im medizinischen Bereich oder im Einzelhandel gehören genau jetzt nicht ins Büro, mit welcher Aufgabe auch immer.

Dazu zeigt sich die segensreiche Wirkung einiger Aktivitäten, die die soziale Anmutung des Home-Office verbessern. So gibt es regelmäßig „Digitale Kaffeerunden“, in denen auch mal nichts dienstliches besprochen werden kann. Memes kreisen, Witze werden erzählt und Mitarbeiter erscheinen auch mal im außergewöhnlichen Outfit vor der Kamera.

Zudem wird ‚digitales Geschwätz‘ nicht nur erlaubt oder geduldet, nein, es wird gefordert. Also das ‚Guten Morgen‘, das ‚ich mach mal Mittag‘ oder das ‚Schönen Feierabend‘ – wichtig, um zu wissen, dass da noch andere sind und was sie so tun.

Das ganze geht bis hin zum ‚digitalen Feierabendbierchen‘ zweimal die Woche – warum auch nicht.

Freitag der 4. April. Inzwischen haben sich Gewohnheiten eingespielt. Wir stellen fest: ‚digital ist schnell und intensiv‘. Wir stellen auch fest, dass viele Kunden und Geschäftspartner noch nicht soweit sind. Oftmals erreicht man niemanden unter der bekannten Nummer in seinem Unternehmen. Fragt man herum, bekommt man die Antwort ‚der/die ist im Home-Office‘. Inzwischen ist die Standard-Replik: ‚wenn der Kollege nicht erreichbar ist, dann ist er nicht im Home-Office, sondern zuhause‘ – naja.

Gleichwohl ist für alle Kolleginnen und Kollegen aber auch der Tenor: Wir wären froh, wenn wir morgen wieder in die ‚echten‘ Büros zurückkehren könnten. Aber so wie es läuft, kann es noch eine Weile weiter laufen.